Der Tag der Erde und die Wurst

Der Tag der Erde und die Wurst

Der Tag der Erde wurde in diesem Jahr am 23. April im Stadtteil Wolfsanger gefeiert. Und er war zum ersten Mal  fleischlos. Das Thema bewegte im Vorfeld viele  Menschen – und vor allem die lokalen Medien haben sich seiner angenommen.

Hier deshalb einmal die Sichtweise von uns als Veranstalter:

Zur Berichterstattung der HNA und der öffentlichen Diskussion über den fleischlosen Tag der Erde 2017 –
Die Redaktion der HNA und insbesondere ihre Kommentatoren bemühen starke Worte in der Berichterstattung zu dem in diesem Jahr fleischlos geplanten Tag der Erde in Wolfsanger. Von purer Ideologie, Volkerziehung und Zwangsbeglückung  ist die Rede. Den Verantwortlichen wird Borniertheit attestiert.

Dabei ist die Sache relativ schlicht.

Zunächst aber ein paar Informationen:
Der Tag der Erde wird seit über 25 Jahren vom Verein UmweltHaus Kassel veranstaltet. Das Umwelt- und Gartenamt der Stadt unterstützt die Veranstaltung maßgeblich, indem eine Mitarbeiterin große Teile der Festorganisation übernimmt. Die Verantwortung für die inhaltliche Ausrichtung des Festes liegt aber ausschließlich beim Vorstand des Vereins.

Der Tag der Erde ist ein Umwelt- und Kulturfest – von Beginn an war es Anliegen, neben dem Feiern auch Informationen zum  großen Themenbereich Ökologie und Nachhaltigkeit anzubieten, die Besucher zum Nachdenken über Fragen aus diesen Bereichen anzuregen, und einer großen Zahl von lokalen Umwelt- und Sozialinitiativen die Möglichkeit zu geben, sich zu präsentieren.

Der Sachverhalt:
Bereits im Zusammenhang mit der Entscheidung für den Stadtteil Wolfsanger und die Wolfsangerstraße als „Festmeile“ des Tags der Erde 2017 war den Veranstaltern klar, dass aufgrund der beengten Platzverhältnisse die Zahl der zuzulassenden Initiativen und Aussteller gegenüber früheren Jahren deutlich begrenzt werden musste. Wir sind aus Platzgründen gezwungen, insgesamt etwa 60 – 70 Aussteller, die zum Teil schon seit Jahren immer dabei waren, von einer Teilnahme auszuschließen. Dass das für die Betroffenen schmerzhaft sein würde, war klar, aber nicht zu vermeiden.

Vom Organisationsteam wurden Kriterien für eine Begrenzung der Zahl der Aussteller gesucht: nach Möglichkeit sollten es Kriterien sein, die auch in einem inhaltlichen Zusammenhang mit dem Anliegen des Tags – Fragen der Nachhaltigkeit und nachhaltiger Lebensstile, also z.B. auch Ernährung – stehen. Neben dem Ausschluss einer Reihe eher „kommerzieller“ Aussteller, z.B. aus dem Bereich Kunsthandwerk, haben wir entschieden, einen fleischlosen Tag der Erde zu veranstalten, dass es also in diesem Jahr kein Angebot von Wurst und anderen fleischhaltigen Lebensmitteln geben wird.

Denn wer es wissen will kann es heute wissen: Zur Erzeugung von Fleisch als Nahrungsmittel werden deutlich mehr Ressourcen (Anbauflächen, Futtermittel, Getreide, Wasser, Energie) verbraucht, werden höhere CO2 -Emissionen verursacht, als wenn die Produkte – z.B. Getreide, Mais, Soja, Kartoffeln, etc. – direkt als Lebensmittel für Menschen dienen.

In vielen Ländern des Südens werden riesige Flächen für den Anbau von z.B. Soja genutzt, das dann in europäischen Schweinetrögen und über diesen Umweg schließlich als Schnitzel oder Bratwurst auf unseren Tellern landet – während sich die Menschen in diesen Ländern Lebensmittel kaum noch leisten können.

Dazu kommt, dass heute ein großer Teil des Fleisches für die menschliche Ernährung unter Bedingungen erzeugt wird, die für die betroffenen Tiere mit einem unglücklichen Leben, mit Schmerzen und einem meist ziemlich brutalen Tod verbunden sind.

Eine fleischarme oder fleischlose Ernährung ist also unter ökologischen sowie auch sozialen und ethischen Gesichtspunkten sinnvoll und ganz klar besser als eine überwiegend auf Fleisch basierende Ernährungsweise. Wir wissen sehr wohl, dass die Ökobilanz bei ökologisch erzeugtem Fleisch – wie es in der Vergangenheit auf dem Tag der Erde immer vertreten war – etwas günstiger ausfällt. Die Grundproblematik von wachsendem Fleischkonsum bleibt davon aber weitgehend unberührt.

Was liegt also näher, als eine Teillösung des Platzproblems am diesjährigen Veranstaltungsort mit einem Verzicht auf ein Fleischangebot an diesem Tag und auch einem kleinen Anstoß zum Nachdenken über eigene Ernährungsgewohnheiten zu verbinden.

Die Heftigkeit der Reaktionen und vor allem die Art der Behandlung des Themas in der lokalen Presse überrascht uns etwas, wir finden es schade, dass das Thema für den Wahlkampf benutzt werden soll – und wir freuen uns auch über zahlreiche unterstützende Rückmeldungen.

Der Tag der Erde wird auch in diesem Jahr ein frohes Fest werden – erzogen werden soll niemand.

Hubert Grundler
Verein UmweltHaus Kassel

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4 Responses to Der Tag der Erde und die Wurst

  1. Martin Lometsch says:

    Das ist schon spannend, wie HNA (und übrigens auch der HR) sowie drei StaVo Fraktionen nun den von ehrenamtlich Aktiven und seit Jahren organisierten Tag der Erde zu einem Fleischbezogenen Volksgut machen. Andere arbeiten lassen und dann selber definieren, was der Zeck der Veranstaltung ist – spannende Denkweise und echt fördernd für das Ehrenamt. M.E. solltet Ihr überlegen, ob Ihr bei den „auffordernden“ Parteien CDU und SPD nicht den Platz für deren Stände einspart. Die waren doch bisher beide mit Ständen vertreten, oder? Kritisch finde ich übrigens, wenn ich das anmerken darf, dass nur in den ersten 5 bis 6 Jahren wirklich eine sonst stark belastete Hauptstraße für den Tag der Erde genutzt wird. Ich fand dies am Anfang immer als einer der wichtigsten Gründe (zumindest für mich), den Tag der Erde zu feiern. Diese eigentliche Tradition wurde übrigens ausgerechnet durch die Stadt torpediert, als 1994 der Steinweg nicht genutzt werden durfte und das Fest alleine über der Tiefgarage stattfinden musste. Aber für die ist ja auch die Wurst – und nicht die Straße als Raum zum Feiern – die selbst ausgesuchte Tradition des Festes.

  2. Johannes K. says:

    Sehr treffend formuliert! Ich bin froh daüber, dass sich das Umwelthaus diplomatisch – und trotzdem deutlich – zu Wort meldet und positioniert.

    Leider scheint die lokale Presse doch auf das Befriedigen des eher konservativen Leserklientels statt auf eine verantwortungsvolle und abgewogene Berichterstattung abzuzielen.

  3. Tobias P. says:

    Danke für diese Konsequenz.
    Es macht mich sehr nachdenklich, wie negativ Teile der Presse und diverse Kommentarschreiber auf ein fleischfreies Fest reagieren, noch dazu, wenn es sich um ein Fest rund um das Thema Umwelt handelt. Fleisch hat einen immens negativen Einfluss auf das Klima, aber anscheinend berührt man da bei einigen einen wunden Punkt, und schon ist man „ideologisch verblendet“, „millitant“ oder will andere „erziehen“.
    Die Fakten liegen klar auf dem Tisch. Was jeder daraus macht, muss er oder sie selbst entscheiden. Aber einmal auf einem Fest kein Fleisch zu essen, kann doch so schlimm nicht sein. Es wird garantiert viele andere leckere Alternativen geben.

  4. D.R. says:

    Ich kann dazu nur eines sagen: Sehr gut gemacht! Weiter so. Sachlich und objektiv die Thematik sinnvoll erörtert. Präpubertäre Ausbrüche seitens der Fleischliebhaber sollte man genau so, wie auch bei Kleinkindern und Pubertierenden, behandeln und warten bis sie von selbst drauf kommen, dass es so nun doch nicht geht.